Prof. Dr. Dieter Rexroth 06.03.1941–09.04.2024

Er war ein Glücksfall für Young Euro Classic!

Gleich im Gründungsjahr 1998, als sich der gemeinnützige Verein „Deutscher Freundeskreis europäischer Jugendorchester“ konstituierte, der fortan als Veranstalter die Verantwortung für das Festival übernahm, ließ Dieter Rexroth sich für das Projekt gewinnen. Der hoch angesehene Musikdramaturg und renommierte Orchesterfachmann war – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kulturschaffenden in Berlin damals – von der Idee begeistert, jungen Orchestern aus Europa hier eine große Bühne zu bieten: im Konzerthaus am Gendarmenmarkt und der Philharmonie. Ihn überzeugte vor allem, dass die Initiative dazu von Nachwuchsmusikerinnen und –musikern selbst gekommen war.

Wie konnte dieses neue Jahrtausend besser beginnen als mit der musikalischen Jugend in der wiedervereinigten Hauptstadt Deutschlands, in Europas Mitte? Dieter Rexroth hatte das Potential dieser Idee feinsinnig erspürt. Er kannte den unbändigen Drang der Nachwuchskünstlerinnen und künstler, die symphonische Musik für sich zu erschließen, zu gestalten und zu erneuern. Die Junge Deutsche Philharmonie – 1974 als Studentenorchester von ehemaligen Mitgliedern des Bundesjugendorchesters gegründet – war aus seiner Perspektive ein Meilenstein im Sinne einer Erneuerung der Orchesterlandschaft. Das 1980 aus der Jungen Deutschen Philharmonie entstandene Ensemble Modern mit dem Fokus Neue Musik und seiner basisdemokratischen Organisation war für Dieter Rexroth ein weiterer radikaler Erneuerungsversuch. Beratend stand er auch dem Bundesjugendorchester zur Seite.

Er war immer offen für alle Bestrebungen, die Musiklandschaft neu zu gestalten. Offen also auch für die europäische Initiative junger Musikmanagerinnen und -manager, aus der Young Euro Classic in Berlin erwuchs. Die grundlegende dramaturgische Idee für das Festival Young Euro Classic durch den damaligen Präsidenten der European Federation of National Youth Orchestras nahm er auf und sie hat bis heute Bestand: Ein Konzert sollte bestehen aus einem großen Werk des 19./20. Jahrhundert, einer großen nationalen Komposition aus den jeweiligen Herkunftsländern und einem neu komponierten Stück.

Diese Grundidee wusste Dieter Rexroth den Orchesterleitungen durch seinen offenen, flexiblen Geist, seine Kompetenz und durch seine volle Konzentration auf sein Gegenüber respektvoll nahezubringen. Seine ausgeprägte Empathiefähigkeit und seine schier grenzenlosen Kenntnisse der Musikwissenschaft, Geschichte und Philosophie ermöglichten ihm, seine Gesprächspartnerinnen und –partner fast immer zu überzeugen und für seine Ideen zu gewinnen. Er erzwang nichts, nie. Er setzte auf die der Musik innewohnende Kraft und die Gesamtkomposition eines Konzertes, weil „die Musik ja zum Zuhörenden spricht“. Den Zweiflern lächelte er hin, sie würden es schon „erleben“, sie sollten die Musik nur auf sich wirken lassen. Ja, viele haben es so „erlebt“ und daraus Vergnügen wie auch Irritation gezogen, oft genug beides. Er bereicherte Konzerte häufig durch eine tiefgehende Einführung mit intelligenten Bezügen und Verbindungen, meist in freier Rede. Das konnte er wie wenige. Eine große Zahl junger Musikerinnen und Musiker, Komponistinnen und Komponisten konnte sich nicht satt daran hören, wie er ihnen neue Zugänge zur musikalischen Interpretation erschloss und ihnen behutsam die nächsten Schritte ihrer Karriereplanungen moderierte. Er hatte dafür immer Zeit.

Und auch das zeichnete ihn aus: Er gab nie auf.

Ein Beispiel: Die Corona-Pandemie. Es kam für ihn nicht in Frage, deswegen einen Jahrgang von Young Euro Classic ausfallen zu lassen. Nein, sagte er, wenn die Welt nicht nach Berlin reisen könne, dann müsse man eben ein Festival anderer Art konzipieren. An den Berliner Hochschulen gebe es doch genug begabte, nach Auftritten dürstende Musikerinnen und Musiker aus aller Welt. Die Welt sei doch schon hier.

In der Corona-Zeit stellte sich bei vielen Nachwuchsmusikerinnen und –musikern sehr grundsätzlich die Frage nach dem Sinn ihrer Berufswahl. Dieter Rexroth schuf ein Angebot. Sie dankten Young Euro Classic für die Erfahrung, dass Vieles möglich ist, wenn nichts mehr möglich scheint, mit hervorragenden solistischen und kammermusikalischen Aufführungen im Konzerthaus und mit Tränen.

Die Liebe von Dieter Rexroth für die Musik und sein leidenschaftliches Engagement für junge Musikerinnen und Musiker hat Young Euro Classic über 25 Jahre geprägt. Er war ein großer Philanthrop, der Young Euro Classic am Reichtum seines Herzens und seines Geistes verschwenderisch teilhaben ließ. Nun hat sich Dieter Rexroth auch von uns verabschiedet – aber nicht, bevor seine letzte Ausgabe von Young Euro Classic, das 25. Jubiläum, druckfertig für den Flyer vorbereitet war.

Du hinterlässt uns Wärme und den Mut zum Weitermachen in Deinem Sinne, Dieter. Danke!