© Kai Kremser
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Woher kommt Ihre Faszination für die Peking-Oper?

Anna Peschke: Peking-Oper ist für mich eine Zauberwelt, dort verbinden sich Zartheit, Schönheit und Eleganz mit Expressivität: prachtvolle farbige Kostüme, laute Perkussion, schriller Gesang, dynamische Akrobatik und spektakuläre Kampfszenen. Es ist so anders, als die Theater-und Opernformen, die wir kennen!

Die Peking-Oper besitzt herausragende ästhetische Mittel. Neben den für die europäische Oper bekannten Elementen Gesang, Rezitation und Schauspiel, verfügt sie über Tanz, Akrobatik, Kampfkunst und Pantomime. Diese darstellerischen Mittel sind für westliche Zuschauer zunächst fremd. Gleichzeitig sind aber die bewundernswerte kunstvolle Vermischung dieser Disziplinen und die enorme Präzision der Ausführung sinnlich beeindruckend und fesselnd.

Der Gewinn – und die ästhetische Herausforderung – für den europäischen Zuschauer liegt darin, dass er durch die ungewohnten künstlerischen Mittel nicht sofort auf gewohnte Deutungsmuster zurückzugreifen kann. So werden neue Perspektiven auf bekannte Stoffe möglich, neue Deutungsräume öffnen sich und der Zuschauer wird in seiner Aktivität als Rezipient wieder gefordert.

Ein faszinierender Aspekt der Peking-Oper ist, dass Emotionen, Handlungen und Orte durch codierte Bewegungen nonverbal dargestellt werden können. Für mich als Regisseurin ist es spannend, die jahrhundertealten Regeln der Stilisierung experimentell einzusetzen und in die Moderne zu überführen.

Ich möchte mit meiner poetisch-visuellen Regiearbeit und der ausdrucksstarken Ästhetik der Peking-Oper eine neue Theatersprache schaffen.

Warum fiel die Wahl auf Wagners „Ring“?

Anna Peschke: Richard Wagner selbst schrieb 1851 in seiner kunsttheoretischen Schrift Oper und Drama: „Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er jederzeit wahr, und, bei dichtester Gedrängtheit, für alle Zeiten unerschöpflich ist.“

Die Nibelungen-Sage eignet sich sehr gut für die interkulturelle Theaterarbeit, da sie das zeitlose Thema des ‚Ringen um Macht‘ behandelt und aktuelle Themen zu diskutieren vermag. Sie stellt mythologische Archetypen dar, die sowohl in der chinesischen als auch in der westlichen Kultur vorkommen und verstanden werden.

In der Sage verbinden sich die mythische Götterwelt, die Heldensage und der Gralsmythos. Sie erzählen vom immer wiederkehrenden Zyklus des Lebens. Der ‚Ring‘ ist auch eine Parabel des Untergangs als Folge von Machterwerb, -erhalt und –zerfall. Wachstum, Kapitalismus und Konsum werden hinterfragt. Auch die damit zusammenhängende Umweltzerstörung findet im Bild der sterbenden Weltesche ihr Symbol. Die Zeitlosigkeit des Mythos ermöglicht, thematische Bezüge zur Gegenwart zu knüpfen.

Obwohl die Nibelungensage altskandinavischen Ursprungs ist, empfinden wir Wagners Ring als Teil des deutschen Kulturgutes. Auf diesen „urdeutschen“ Stoff sollen, durch die Sprache der Pekingoper, neue Perspektiven ermöglicht werden.