Mozart, Mendelssohn und Mambo

Young Euro Classic 2021 kehrt mit kleineren Orchestern auf die große Bühne des Konzerthauses zurück – und bietet ein breites Panorama zwischen Klassik und Moderne

 

© MUTESOUVENR | Kai Bienert

Young Euro Classic 2021 steht in den Startlöchern. Und kehrt zurück zu seinem ursprünglichen Format, indem es vom 30. Juli bis 15. August eine europäische Auswahl hervorragender Jugendorchester ins Konzerthaus Berlin holt.

Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr musste das komplett geplante 18-tägige Jugendorchesterfestival mit Orchestern von Usbekistan bis Uruguay aufgrund der Covid-19-Pandemie im April abgesagt werden; an seine Stelle trat ein gänzlich neu konzipiertes Programm, das an zehn Tagen erlesene Kammermusikwerke mit jungen Musiker_innen der Berliner Musikhochschulen und Vertreter_innen von Bundesjugendorchester und European Union Youth Orchestra auf die Bühne holte. Das war mehr als ein Ersatz – das Publikum lauschte in höchster Konzentration und feierte die Musiker_innen für ihre außergewöhnlichen Leistungen.

Nun also zurück zu den Ursprüngen. Und die meisten der Jugendorchester, denen im vergangenen Jahr abgesagt werden musste, waren sofort bereit, ein Kommen im Jahr 2021 zuzusagen. Zugleich erklärten sie sich damit einverstanden, ihre Programmplanung dem seit dem Oktober 2020 geltenden Hygieneplan des Konzerthauses anzupassen. Dieser sieht vor, dass nur Konzerte von bis zu 70 Minuten Dauer ohne Pause stattfinden können. Darüber hinaus dürfen nur ca. 60 Musiker_innen auf der Bühne des Großen Saals platziert werden. Dies hat einen bemerkenswerten Effekt auf die Auswahl der Programme, denn anstelle von Strauss, Mahler und Strawinski mit ihren gewaltig besetzten Orchesterwerken ist diesmal eine Rückkehr zu klassisch-romantischen Dimensionen zu beobachten – eine willkommene Chance, dem Publikum zwischen Mozart und Philip Glass auf andere Art und Weise Bekanntes, Unbekanntes und Neues zu bieten. 

Mit dem Eröffnungskonzert wird die lange Tradition der bi-nationalen Jugendorchester bei Young Euro Classic neu belebt. Am 30. Juli präsentiert sich ein deutsch-französisches Ensemble, das aus Mitgliedern des Bundesjugendorchesters und seines französischen Pendants, des Orchestre Français des Jeunes, zusammengesetzt ist. Geleitet wird es von der in Frankreich lebenden polnischen Dirigentin Marzena Diakun; das Programm mit Werken von Rameau, Gossec, Mendelssohn und C.P.E. Bach spannt einen raffinierten musikalischen Bogen von Paris nach Berlin. Auch wenn Frankreich gewissermaßen „vor der Haustür“ liegt, ist die deutsch-französische Freundschaft und Verständigung doch ein immerwährendes europäisches Anliegen, zu dem auch Young Euro Classic beitragen möchte.

Wo die Anreise aus anderen Kontinenten derzeit stark erschwert ist, kann Young Euro Classic glücklicherweise auf ein breites und hervorragendes Angebot europäischer Jugendorchester zurückgreifen. Dabei bilden diesmal drei Ensembles aus Süd- und Südosteuropa, die regelmäßige und hochgeschätzte Gäste des Festivals sind, einen auffälligen Schwerpunkt: die nationalen Jugendorchester aus Portugal, Spanien und Rumänien. Geographisch in diese Reihe fällt auch das Greek Youth Symphony Orchestra, das mit der Wahl von Beethovens „Eroica“ an die griechische Revolution von 1821 erinnern möchte.

Aus dem deutschen Sprachraum kommt als langjähriger Festivalgefährte das Bundesjugendorchester, während das Wiener Jeunesse Orchester, dem Festival seit seinen Anfängen freundschaftlich verbunden, mit einem wienerisch-russischen Programm zu erleben ist. Den weiten Weg vom Ural macht dagegen das Cheljabinsk Symphony Orchestra, das den Starpianisten Denis Matsuev mitbringt. International besetzt sind drei weitere Ensembles, so das Moritzburg Festival Orchester um den Cellisten Jan Vogler, das diesmal Beethovens selten zu hörendes Tripelkonzert im Programm hat. Nach bester Tradition soll auch das Schleswig-Holstein Festival Orchestra, die legendäre Orchesterakademie, die von Leonard Bernstein ins Leben gerufen wurde, seinen Auftritt bei Young Euro Classic haben. Ihr Debüt feiern dagegen die 2013 gegründeten LGT Young Soloists unter dem brillanten Geiger Alexander Gilman, ein Ensemble hochkarätiger junger Streichersolist_innen, die seit ihrer Gründung schnell für Aufsehen gesorgt haben – höchste Zeit, sie auch dem Young Euro Classic-Publikum zu präsentieren!

Unter die Rubrik besondere Kammerorchester fällt auch die schwedische Truppe O/Modernt, deren charismatischer Leiter Hugo Ticciati für 2021 ein Programm entworfen hat, das sich den Heldinnen in der Musik von Hildegard von Bingen bis María de Buenos Aires mit raffinierten Arrangements widmet – Bandoneon und Marimba inklusive. Daneben runden wie jedes Jahr Ausflüge in andere kulturelle Gefilde das diesjährige Programm ab. Alle Ballettfreund_innen müssen auch 2021 nicht auf das Bundesjugendballett mit seinen kreativen Choreografien verzichten; Freund_innen des Big-Band-Sounds kommen bei dem Ensemble Jong Metropole, einem Ableger des Niederländischen Jugendorchesters, auf ihre Kosten. Schließlich wird auch die geliebte Reihe „Klassik meets Jazz“ fortgesetzt, mit der Berliner Jazzpianistin, Sängerin und Komponistin Clara Haberkamp zum ersten Mal unter weiblicher  Leitung: Ihr Trio sowie das Ensemble In June wird auf das Pacific Quintet treffen, das seine Premiere bei Young Euro Classic 2020 feierte.

Und noch ein besonderes Bonbon hebt sich Young Euro Classic für das Abschlusskonzert am 15. August auf: Ein ehrgeiziges junges Orchester, das Orquesta del Lyceum de la Habana, wagt den weiten Weg aus Kuba, um europäische Klassik und lateinamerikanisches Temperament ins Konzerthaus Berlin zu bringen. „Mozart y Mambo“ heißt die Devise – es müssen, das steht jetzt schon fest, nicht immer die großen symphonischen Gipfelstürme sein!