5. Juli 2021 - Aufgehorcht - Anna Gyapjas

Sommerträume, blinde Konturen und eine Handvoll Spielzeugpuppen: Die Titel der Werke, die 2021 bei Young Euro Classic zur Uraufführung bzw. Deutschen Erstaufführung kommen, lassen ihren Facettenreichtum bereits erahnen. Wir haben die teils aufstrebenden, teils bereits etablierten Komponist_innen nach Einblicken in ihre Arbeit gefragt. Hier lesen Sie, was sie anstreben, was sie bewegt und inspiriert (Update folgt).

 

Kein Platz für politische Korrektheit: „Toys Are Us”

© nevafilms / gnration
© nevafilms / gnration

João Carlos Pinto, ein 23-jähriger kreativer Performer, Komponist und Instrumentenbauer, hat das Auftreten unter Corona-Bedingungen als Herausforderung für seine Komposition fruchtbar gemacht. Herausgekommen ist ein ungewöhnlich frei klingendes Stück, welches das Jovem Orquestra Portuguesa uraufführen wird.

Pinto selbst erklärt: „Toys Are Us ist ein spielerisches, fast satirisches Infragestellen von Normen, also den vorgefertigten Konzepten, die uns umgeben. Hierarchien, Formalitäten, politische Korrektheit und Kontrolle spielen in diesem Stück keine Rolle: Auf unschuldige, ja kindliche Weise werden sehr erwachsene Themen verhandelt. Das Orchester, das aus Kinderspielzeug und Alltagsgegenständen besteht, verwandelt sich in eine massive Klangwand. Es gibt visuelle Reize, unterschwellige Botschafen, Choreografien und einen Dirigenten. Doch wen dirigiert er; das Orchester? Die Musik? Die Wahrnehmung des Publikums? Sich selbst? Oder hängen an ihm gar unsichtbare Fäden, die ihn selbst zur Marionette machen? Am Ende des Tages geht auch er nach Hause, um allein zu schlafen, in seinem eigenen Kopf. So gesehen macht es also vielleicht auch keinen Unterschied.“

Raum für neue Orchesterklänge: „Blind Contours No. 2”

Die Komponistin Raquel García Tomás, deren Werk Blind Contours No.2 das Joven Orquesta Nacional de España zum ersten Mal in Deutschland aufführt, ließ sich derweil von einer Illustrationstechnik inspieren. Beim Blindzeichnen, einer gängigen Übung, um die Wahrnehmungsfähigkeit zu schulen und bereits verinnerlichte Formen zu vermeiden, ergeben sich ausdrucksstarke und unvorhersehbare Ergebnisse. García Tomás überträgt dieses Konzept auf die Musik:

Blind Contours No. 2 spiegelt diesen Moment des Zufälligen, indem es – in einem kontrollieren Rahmen – Raum dafür schafft. Während die Musik sich innerhalb harmonischer, gestischer, dynamischer und klangfarblicher Vorgaben entfaltet, bekommen die Spielenden eine gewisse Freiheit, wie sie diese umsetzen“, erklärt die Komponistin. „Das Zusammenspiel erfolgt teils unerwartet, gerade, was die mikro-formale Umsetzung angeht. Sowohl der Dirigent als auch das Orchester erhalten mit dem Stück die Gelegenheit, ihren eigenen Klang, ihre eigene Kreativität zu erkunden.“

© Lluc Queralt
© Lluc Queralt

Neues aus der Versenkung: „Summer Dreams”

© privat
© privat

Summer Dreams, ein Werk von Arturs Maskats, das O/Modernt 2020 in Auftrag gegeben hat, wird das lateinamerikanisch-inspirierte Programm des Orchesters formvollendet abrunden: Der lettische Komponist hat selbst einen Tango komponiert und interessiert sich seit jeher für die Denker und Künstler südländischer Kulturen.

Zu seiner Arbeitsweise verrät er: „Jede Performance, jedes neue Werk kreativen Ausdrucks ist ein Sprung ins Unbekannte. Wenn das nicht der Fall ist, verfalle ich in meine Routinen und repliziere, was ich schon erschaffen habe. Ich glaube nicht, dass etwas vom Himmel fällt und der Komponist es nur aufzufangen braucht. Wenn ich an einem neuen Stück arbeite, versenke ich mich darin: Von dort ist der Weg zur Erleuchtung ersichtlich – und auch, wie es weitergeht.“

Dissonant, melancholisch und viszeral: „Gaia’s Tango”

Die Idee für Gaia’s Tango entstand schon vor Jahren, als Komponist und Bandoneon-Spieler Marcelo Nisinman und Cellist Julian Arp mit der Idee spielten, ein Cellokonzert für Letzteren zu komponieren. Das Werk, das das O/Modernt New Generation Orchestra nun zum ersten Mal in Deutschland aufführt, wäre dessen erster Satz.

Wie der Titel bereits andeutet, ist es von unserem Planeten inspiriert. „Das verbindet das Werk unmittelbar mit einer zutiefst irdischen, fast viszeralen Musik, dem Tango“, erklärt Nisinman selbst. Aber nicht ein Tango im traditionellen Sinn: „Sondern ein Tango, in dem die Originalform der Musik zwar vorherrscht, aber auf alle denkbaren Weisen verzerrt ist – also atonal, dissonant und unregelmäßig.“ Auch das Obsessive kommt zum Ausdruck, unter Einbindung eines musikalischen Marsches. Nicht zuletzt spiegelt dieser Tango auch Melancholie – und Ironie.

 

© Mariya Nesterovska
© Mariya Nesterovska

Ein Werk für wahre Virtuosen: „Concerto Grosso Nr. 3 ‚Liechtenstein‘ op. 68”

© Dina Mir
© Dina Mir

Als Airat Ichmouratov vor einigen Jahren in den sozialen Medien auf die LGT Young Soloists stieß, musste er ihren Kanälen sofort folgen. Ichmouratov, seit über 20 Jahren im Feld und weltweite anerkannter Komponist und Dirigent, war hingerissen von der Idee, junge Virtuosen zusammenzubringen – und empfahl sich prompt für eine Zusammenarbeit. Dank der Unterstützung der LGT Bank konnte er sich schon bald an die Arbeit machen:

„Ich habe dieses Concerto Grosso Liechtenstein genannt, weil die magische Schönheit der Natur großen Eindruck auf mich gemacht hat“, erzählt er Young Euro Classic. „Die überwältigenden Berge und Seen des Landes, das Gezwitscher der Vögel waren wichtige Inspirationsquellen während meines Kompositionsprozesses.“

Die drei sehr unterschiedlichen Sätze, komponiert für zwei Sologeige, eine Soloviola, ein Solocello und ein Streichensemble sind anregend, energetisch –­­ und extrem fordernd. Ichmouratov dazu: „Mit Alexander Gilman, dem Leiter des Ensembles, waren wir uns sofort einig, dass es mindestens vier Soli geben müsse: Jedes Mitglied der LGT Young Soloists ist schließlich ein wahrhaftiger Virtuose.“

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