3. Juni 2020 - Nachgefragt - youngeuroclassic
© Marcus Höhn

Ohne unsere großartigen Partner von den Berliner Ausbildungsinstitutionen wäre Young Euro Classic 2020 nichts geworden. Prof. Michael Barenboim, Geiger, Leiter des Bereichs Kammermusik und seit Juli 2020 Dekan an der Barenboim-Said Akademie, hat mit uns gesprochen über Instrumentalunterricht im Lockdown, die Zusammenarbeit mit der HfM Hanns Eisler Berlin und der UdK Berlin – und warum wir jetzt mehr denn je um die Kultur kämpfen müssen.

Herr Barenboim, wo erreichen wir Sie gerade?

Wir sind gerade im Urlaub! Diesmal nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto, in der Nähe von Como. Unterwegs haben wir aber auch andere Sachen gesehen.

In welcher Lebenslage hatte Sie der Lockdown erwischt?

Wir hatten gerade das West-Eastern Divan Ensemble gegründet, damit waren wir unterwegs durch die USA, da war schon viel los. Nachdem das letzte Konzert in San Francisco abgesagt werden musste, sind wir zurückgeflogen, und weil auch meine Tournee in Spanien abgesagt wurde, war ich von da an zu Hause – und da bin ich auch geblieben.

Wie sind Sie mit dieser Vollbremsung umgegangen?

Die Kinder hatten ja keine Vorschule, also langweilig war uns schon mal nicht (lacht). Durch meine Tätigkeit an der Akademie hatte ich auch gut zu tun. Die Besonderheit der Hochschule ist ja, dass die meisten Studierenden aus dem Nahen Osten kommen. Und wenn die nicht in Berlin sind, dann kommen sie auch nicht, man kann ja gar nicht reisen. Daher haben wir den Instrumentalunterricht, aber auch Musiktheorie und die Geisteswissenschaften schon am Anfang des Lockdowns online organisiert.

Wie hat sich das bewährt bei Ihren Studierenden?

Online-Instrumentalunterricht ist natürlich skurril; an technischen Problemen kann man noch arbeiten, bei musikalischen Phrasierungen wird es schon schwieriger. Es ist nicht ideal, aber doch besser als nichts. Das A und O ist jetzt, Lösungen zu finden für Probleme, die man so noch nicht kannte. Und weil viele unserer Studierenden im Iran, in Israel und andernorts sind, beschäftigen uns diese Alternativen immer noch.

Und inmitten des Ganzen hat Dieter Rexroth Sie kontaktiert…

Als Herr Rexroth mich anrief, war schnell klar, dass wir da gern mitmachen: Wir wollen unseren Studierenden unbedingt die Möglichkeit geben, durch Young Euro Classic ihren Beruf auszuüben. Das klingt simpel, ist aber im Moment gar nicht so einfach. Und dass dem diese Bühne gegeben wird, ist toll.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit den beiden anderen Hochschulen?

Wir waren uns alle einig, dass das, was wir auf die Bühne stellen, auch wirklich gut sein muss. Es war nicht immer einfach zu entscheiden, wer wann was spielt, besonders unter den strengen Auflagen. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass die Hochschulen jeweils ein Programm selbst gestalten. Die Auswahl der Stücke war flexibel, aber was das Grundkonzept anging, hatte Herr Rexroth ziemlich klare Ideen; was auch gut war, sonst funktioniert so etwas auch nicht.

Unsere Gruppe spielt Fanny Hensel und ein Stück, das ihr Bruder Felix geschrieben hat, als sie gestorben ist. Dazwischen gibt es auf Herr Rexroths Wunsch ein Mozartduo, das ergibt eine schöne Mischung. Die Studierenden proben jetzt schon, das wird sehr gut.

Wie sehen Sie die Zukunft klassischer Musikveranstaltungen angesichts der Pandemie?

Auch wenn die Reduktion auf kammermusikalische Ensembles ein Ausweichen ist: Es ist wichtig, dass Konzerte gespielt werden, dass Menschen in Konzerte gehen können und dürfen, zumal es in kammermusikalischer Besetzung die schönste Musik gibt. Aber eine Pandemie ist schon etwas Ernstes, und vieles hängt davon ab, wie verantwortungsvoll sich das Publikum verhält.

Hat der Lockdown Ihres Erachtens zu einer größeren Wertschätzung von Kulturangeboten geführt?

Nein, überhaupt nicht, da hatten die Menschen ganz andere Dinge an erster Stelle im Kopf, vor allem im März, April, Mai. Jetzt geht es darum, die Wichtigkeit von Kunst und Kultur wieder herauszustellen. Ich habe schon ein bisschen Sorge, dass wir auf eine völlig andere Kulturlandschaft gucken, wenn die Pandemie vorbei ist. Kunst und Musik sind unsere Schätze, und wenn das alles wegfiele, hätten wir alle ein Riesenproblem. Man muss wirklich dafür kämpfen, dass das erhalten bleibt und sich im besten Fall weiterentwickelt. Ich kann in meiner Position in der Akademie darauf hinarbeiten, als Geiger auch, immer unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen. Young Euro Classic geht ebenfalls in diese Richtung – und das ist gut, denn es geht um viel: Am Ende des Tages gehört die Kultur zu unserer Menschlichkeit.

Herr Barenboim, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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