31. Juli 2020 - Nachgefragt - Anna Gyapjas

 

Ohne unsere großartigen Partner von den Berliner Ausbildungsinstitutionen wäre Young Euro Classic 2020 nichts geworden. Prof. Stephan Forck, gefragter Cellist sowie Dozent an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, hat mit uns gesprochen: über die unerwarteten Freuden des Lockdowns, den pädagogischen Mehrwert von Online-Instrumentalunterricht – und warum er bei der Zusammenarbeit mit Young Euro Classic fast an seine Grenzen kam…

Herr Forck, wann und wo hat der Lockdown Sie erwischt?

Neben meiner Professur an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin spiele ich ja seit 35 Jahren im Vogler Quartett. Im März waren wir gut gebucht und unterwegs, das letzte Konzert haben wir am 12. März in Baden-Württemberg gespielt. Danach war Ruhe im Karton.

Wie war das für Sie?

Für mich war es eine besondere Zeit: Unsere Tochter war gerade in Japan, wollte ein Jahr dort zubringen, ihre Sprachkenntnisse vertiefen, das Land kennenlernen, unterwegs sein. Dann wurde aber ihr Rückflug gecancelled, sodass wir sie noch mit dem letzten Lufthansaflug nach Hause kriegen mussten. Das war ein kurioser Flug, mit einer zweiten Crew von Gestrandeten, ohne Catering mehr an Board, nur noch Notversorgung…

Schlussendlich war sie bei uns, genau wie unser Sohn, der eigentlich in Rostock studiert: Das waren vier Monate geschenkte Zeit mit unseren erwachsenen Kinder, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte. Wir haben zusammen musiziert, Kino gemacht, Filme geguckt und heiß diskutiert zur Rassismusdebatte. Meine Frau ist Japanerin, die Kinder sehen so aus, entsprechend haben sie auch ihre Erfahrung mit Rassismus gemacht. Das war ein Thema, das mich sehr aufgewühlt hat, ich habe aber auch neue Perspektiven erkannt. Das war der positive Begleiteffekt von Corona.

Der negative hat Künstler und Musiker besonders hart getroffen.

Ich habe in der Verwandtschaft viele Musiker, die freiberuflich sind, mein Bruder hatte zum Beispiel Einnahmeausfälle im fünfstelligen Bereich! Es gibt zwar hoffnungsvolle Anzeichen, aber wann es wieder so etwas wie Normalität geben wird und wer bis dahin überlebt hat, ist schon sehr besorgniserregend.

Was mein Quartett betrifft, sind wir alle in einer Luxussituation: Seit den letzten zehn Jahren haben wir alle Professuren inne. So vielen anderen geht es ganz bitter und es gibt große Fragezeichen, wie die Zukunft aussehen wird.

© Marco Borggreve

Wie sind Sie und Ihre Studierenden mit den neuen Bedingungen umgegangen?

Ungefähr die Hälfte meiner Leute sind dadurch wieder in alle Welt verstreut, Korea, Spanien, Frankreich. Und so habe ich mich im Onlineunterrichten geübt. Weil mein W-Lan ein bisschen instabil ist, haben wir dann aber umgesattelt: Die Studenten haben mir Aufnahmen von sich geschickt, die ich in Ruhe angehört habe und dann habe ich die mit Feedback versehen. Das war auch eine ganz gute  Übung für beide Seiten: Man schickt ja seinem Lehrer nicht gleich den ersten Versuch, allein dadurch entsteht beim Studierenden ein Lerneffekt. Ich wiederum konnte die unmittelbare Reaktion – etwa eine in Falten gezogene Stirn, die verunsichert — außen vor lassen.

Aber ich habe heute, ich komme gerade aus der Hochschule, auch festgestellt, dass doch eine ganz wichtige Qualität auf der Strecke bleibt. Denn der Klang, den ich bei einer Aufnahme beurteile, ist nicht der Klang, den ich im Raum höre. Und das unmittelbare Erleben des Klanges und auch seiner Körperlichkeit, zusammen in einem Raum, das ist digital nicht herstellbar.

Und mitten in der Ungewissheit kommt Herr Rexroth und bietet Ihren Studierenden eine Bühne…

Das war ein Lichtblick, dass er dieses Risiko der Ungewissheit auf sich nimmt und einfach in die Planung geht. Es ist toll, dass er das in Angriff genommen hat, den jungen Leuten eine Perspektive zu eröffnen. Man übt ja immer für ein Ziel und ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man auch weiß, es gibt ein Leben danach.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Herr Rexroth ist sehr kreativ, das äußert sich auch in plötzlichen Ideen, die das bisher Geplante über den Haufen werden. Ein Stück Geduld brauchte ich da schon (lacht), aber ich war gern bereit, pragmatisch auf seine Wünsche zu reagieren und habe geguckt, wer ist überhaupt verfügbar, was ist kompatibel. Wir haben schöne Lösungen gefunden, die begeistern werden.

Was glauben Sie, wie wirkt sich die Pandemie auf Hörgewohnheiten und Konzertformate aus?

Dass die Leute jetzt ihre Liebe zur Kammermusik entdecken, das hoffe ich und davon bin ich auch überzeugt. Aber man wird sich auch freuen, wenn es wieder Symphoniekonzerte gibt mit der Fülle der Klangfarben. Eine Oper mit allem Drum und Dran wird auch Begeisterung hervorrufen. Dieses Streamen war dennoch eine wichtige Erfahrung, weil es für viele auch ein Weg war, ihre angestaute Kreativität loszuwerden.

Bei meinen Studenten war das auch so: Ich habe einen Studenten in Frankreich, der hat mir ein Celloquartett geschickt, wo er sich selbst vervierfacht hat, jedes Mal mit einer anderen Coronamaske. Das fand ich sehr witzig und überzeugend. Dadurch, dass online viele Sachen verfügbar sind, ist aber auch leicht eine Sättigung erreicht. Ein Livestream ist daher schon besonders, weil der dann nicht wieder abrufbar ist, ähnlich wie bei einem echten Konzert. Ich bin sehr gespannt, wie es sich anfühlen wird, wieder ins Konzert zu gehen und hoffe, dass Young Euro Classic der Auftakt ist zu mehr Normalität ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Neugierig geworden? Die Musikerinnen und Musiker der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin können Sie am 5. August 2020 im Livestream mitverfolgen, wenn sie das Programm Paris: Drehbühne der Welt zum Klingen bringen.

Das Konzert Im Dialog: Groß und allein wird von Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet und im Konzert zum Nachhören am 13.08.2020 um 20:03 Uhr bundesweit gesendet. Einige wenige Tickets gibt es noch hier!

Das Konzert Wien: Alles Donau – Im Fluss der Zeit wird von rbb Kultur mitgeschnitten und in Talente und Karrieren am 19.09. um 18:04 Uhr ausgestrahlt.

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