17. Juli 2020 - Nachgefragt - Anna Gyapjas
© Frank Jerke

Ohne unsere großartigen Partner von den Berliner Ausbildungsinstitutionen wäre Young Euro Classic 2020 nichts geworden. Prof. Hartmut Rohde, gefragter Bratschist und Dirigent verschiedener Kammerorchester sowie Dozent an der Universität der Künste Berlin, hat mit uns gesprochen über Disziplin beim Onlineunterricht, welche Bedrohungen und Chancen die Krise für den Kulturbereich bereithält – und warum Young Euro Classic ein Hoffnungsschimmer für junge Profis ist.

Herr Rohde, wie sah Ihr Übergang von Normalität zu Shutdown aus?

Das Wintersemester war gerade beendet, die Konzertreisen fanden noch statt. Ich war in Oxford, und es roch schon danach, dass die Royal Academy in London geschlossen werden könnte. Wenig später nahm die Vollbremsung ihren Lauf: In der Schule unserer Kinder wurde ein Corona-Fall bekannt und vier Tage bevor die Schulen in Berlin offiziell geschlossen wurden, mussten wir sie innerhalb von 30 Minuten abholen und auf stand-by zu Hause bleiben.

Glücklicherweise war der Fall in einer anderen Etage, sodass wir nicht in Quarantäne kamen. Aber ich habe einige Freunde und Bekannte, die an Corona erkrankt sind, weniger ernst bis recht extrem.

Wie haben Sie diese Zeit an der UdK gemeistert, mit Onlineunterricht?

Ich habe schon vor dem neuen Semesterstart damit angefangen, alle Studierenden meiner Klasse regelmäßig zu unterrichten. Es war genau so wichtig, Gespräche zu führen wie zu unterrichten. Aber länger als 60 min ist es wirklich kaum auszuhalten halten mit diesem artifiziellen online-Klang! Das fühlt sich an wie eine Prothese. Die Klangqualität auf den Plattformen ist zwar inzwischen deutlich besser geworden, aber es funktioniert nur mit der notwendigen Disziplin. Erfüllung bringt das nicht.

BRAHMS: Zwei Gesänge Op. 91 – Prudenskaya / Rohde / Groh

Wie haben sich denn Ihre Studierenden geschlagen?

Viele konnten ja nicht in den Semesterferien nach Hause fliegen, nach Boston, Los Angeles oder Seoul. Der Einzelunterricht einmal wöchentlich war für viele das emotionale Highlight, das sie in dieser Eingeschlossenheit sehr genossen haben. In einigen Fällen kann man allerdings sagen, dass sie sehr viel schnellere Fortschritte als im normalen Hochschulleben gemacht haben, weil die Ruhe für das instrumentale Lernen viel größer war. Nur wenn dann nach zwei, drei Monaten die Nerven anfangen, blank zu liegen, weil das grundsätzlich Elementare, die Nähe, die Menschlichkeit fehlt, dann bricht es auch hier zusammen. Jeder spürt, dass Atmen, Fantasie und Kreation im Internet nicht stattfinden kann.

Die Anfrage von Dieter Rexroth hat Sie an Ihrem Geburtstag erreicht. Was war Ihr erster Gedanke?

Genial! Herr Rexroth hat sofort in den Mittelpunkt gerückt, dass Young Euro Classic und er genau die jungen Menschen ins Rampenlicht holen wollen, die jetzt besonders darunter leiden. Sie ahnen alle, was die Pandemie für Folgewirkungen haben könnte: noch mehr Kulturstreichungen, Orchesterzusammenlegungen, dass Stellen nicht mehr zügig ausgeschrieben werden, weil kein Geld da sein wird.

Auch wenn das nur die nächsten zwei bis drei Jahre so zutreffen könnte, ist es für Berufseinsteiger einfach richtig blöd: Emotional geht zunächst ein Tor zu und jeder ist verunsichert.

Begeistert war ich auch, dass man mit der Festivalidee versucht, Berlins Internationalität, die durch die drei Institute und alle Freischaffenden sehr groß ist, zu retten und sichtbar zu machen. Dieses Signal mit der schnellen Flexibilität in der Planung so zu setzen, war einfach großartig!

 

Rohdes Mozart Piano Quartet beim Festival de Campos do Jordão

Wie können wir uns die Besetzung der raren Positionen vorstellen?

Die Drähte liefen heiß: Es musste schnell gehen und jeder Lehrer wollte seine besten Leute einbringen. Die UdK Berlin und die HfM Hanns Eisler Berlin haben ja eine riesige Liste internationaler Preisträger. Diese hat sich aber sofort wieder ausgedünnt durch das Problem, dass manche coronabedingt im Ausland sind und nicht kommen können. Andere hatten plötzlich die Info bekommen, dass ein bereits abgesagtes Engagement mit Honorar doch noch stattfinden kann.

Und so kamen in wenigen Fällen nach den ersten Zusagen auch gleich einige Umbesetzungen. Trotzdem haben wir ein wunderbar abwechslungsreiches Programm hinbekommen, mit vielen auch kleineren Werken, sodass mehr KünstlerInnen die Chance haben werden, diesen Hoffnungsschimmer eines großartigen Konzerts zu ergreifen.

Ist die Kammermusik eigentlich die Stiefschwester der Sinfonik?

Längst nicht mehr! Sie hat einen viel wichtigeren Platz als vor 20 Jahren und wird seitdem auch in unserer Lehre entsprechend groß geschrieben. Das ist die große Qualität unserer Hochschulen: Wir bilden nicht nur reine Solisten aus, die in Richtung erster Preise losstürmen – davon machen nur wenige final auch eine entsprechende Karriere.

Im Gegenteil, Preisträger sind schon längst integriert in die tollsten Ensembles, und aus diesem vielseitigen Pool konnten wir bei der Programmplanung schöpfen.

Nehmen wir nur das Vision String Quartett, die sind der Knaller: Das ist ein noch bei uns an der UdK studierendes, internationales Profi-Ensemble. Und die waren natürlich für das Konzert dankbar, da auch bei ihnen viel zusammengebrochen ist. Corona macht keinen Halt vor den Etablierten.

Das Vision String Quartet © Tim Klöcker

Wie sehen die die Zukunft der klassischen Musik nach der langen Durststrecke?

Die Sehnsucht danach ist ungebrochen. Zwischen Gefühl und Wissen kann ich für mich sagen, dass das Streaming von klassischen Musikangeboten für viele, auch sporadische Konzertgänger, ein unglaublicher Magnet an Trost, Mut, Zuversicht und Emotion in dieser Zeit war, auch als Verbindung nach draußen. Das wird Nachwirkungen haben.

Ich sehe das mit dem Bild eines trockenen Schwamms, der Wasser aufsaugt: Wenn es wieder losgeht, werden die Menschen kommen wollen, sie werden ins Konzert strömen.

Und was wird gespielt werden?

Durch die Krise sind viele neue Ideen und neue Formate entstanden, neue Türen aufgestoßen worden, die man ohne diese Krise nicht gehabt hätte. Zum Beispiel gibt es noch mehr Kombinationen, wie man sich präsentiert, sodass man auch in den kleineren Häusern den großen Erfolg hat.

Ich war sowieso immer ein Verfechter der Hausmusik und die Wertschätzung dieser Plattform ist bei Young Euro Classic noch einmal unterstrichen worden. Diese Phantasie bei den Auftrittsmöglichkeiten weiterzutragen, wäre ein Gewinn für beide Seiten, gesellschaftlich und für die Musiker.

Vorausgesetzt, die Politik zieht mit.

Man kann es nur immer wieder betonen: Im Steueraufkommen bringt es der gesamte Kulturbereich auf ca. 160 Milliarden Euro für Deutschland. VW alleine gerade mal auf 9 Milliarden.

Natürlich sind Transportunternehmen das A und O, wenn es um Systemrelevanzen geht, nur: Eine Kultur zu retten, den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft stark zu halten, da müssen wir auch ganz oben mit dabei sein. Wenn die Kulturpolitik das nicht durch Sparmaßnahmen ausbremst, dann werden nicht nur die ganz großen Orchester, Veranstalter und Festivals weiter existieren können, sondern auch die Fantasie und individuelle Lebendigkeit der gerade mittelgroßen und kleineren Veranstalter, Ensembles oder Künstler erhalten bleiben. Nur aus dieser Vielfallt entsteht wieder etwas Großartiges neu, womit sich ein Kreislauft schließt.

Herr Rohde, wir danken für das Gespräch!

 

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