FUTURE NOW Musical Diaries
Was passiert, wenn musikalische Tradition auf Neugier, Experimentierfreude und den Blick nach vorn trifft? FUTURE NOW Musical Diaries machte diese Frage in ganz unterschiedlichen Klangwelten erlebbar – und zeigte, wie vielfältig die Wege junger Musikschaffender in die Zukunft sein können.
Den Auftakt machte MOHIRON aus Tadschikistan, ein Ensemble, das wie kaum ein anderes für die Idee des Festivals steht. Tief verwurzelt in der traditionellen Musik Tadschikistans, verbinden die jungen Musiker:innen sie mit europäischem und lateinamerikanischem Repertoire: Neben traditioneller Musik erklangen etwa Arrangements von Vivaldi und Abreu. Im anschließenden Q&A wurde deutlich, dass dieser musikalische Austausch für sie keine stilistische Übung, sondern Teil ihrer eigenen Identität als junge Musiker:innen ist.
Beim Konzert von Lách Tách trafen traditionelle vietnamesische Gesänge auf elektronische Klänge und zeitgenössische Klangexperimente.
Indem sie den gesamten Raum des Konzertsaals für ihren Auftritt nutzten, zogen sie das Publikum mit ihren vielschichtigen Klängen, in denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmolzen, in ihren Bann. Als Lách Tách gemeinsam mit den luxemburgischen Orchestermusiker:innen ihre eigens für diesen Anlass komponierte Musik vortrugen, war eine besondere Neugier im Publikum spürbar.
Wie neugierig das Publikum auf neue Klänge und Instrumente ist, zeigte sich auch bei JISR // جسر // BRÜCKE. Schon im ausverkauften Konzert wurde arabo-andalusische Musik nicht nur klanglich, sondern auch Ausführungen zwischen den Stücken gekonnt präsentiert. Im Q&A und beim Auslass wurde intensiv nachgefragt, ausprobiert und über die Instrumente gesprochen. Die Begegnung mit Musik fand hier nicht nur auf der Bühne statt, sondern setzte sich unmittelbar zwischen Musiker:innen und Publikum fort.
Mit ni-va & Stellan Veloce wurde der Konzertsaal selbst zum Experimentierfeld. Eindrückliche Schwarz-Weiß-Projektionen, ungewöhnliche Raumbezüge und die Einladung an das Publikum, auf die Frage „Wie klingt die Zukunft für dich?“ mit eigenen Sounds zu antworten, machten die Performance zu einem vielschichtigen Erlebnis. ni-va forderte Aufmerksamkeit und Offenheit und eröffnete dafür eine Welt voller Farben, Facetten und Atmosphären.
Das Ensemble &ñịoن schließlich machte aus dem Experiment eine sinnliche Klangreise. Gambe und Keyboard trafen auf so unerwartete Klangquellen wie Massagepistole und Zahnbürste. In dieser ebenso ungewöhnlichen wie fesselnden Performance wurde über Zugehörigkeit, Herkunft und Bewegung nachgedacht – in Worten sowie in Klängen.
FUTURE NOW Musical Diaries zeigte damit vor allem eines: Zukunftsmusik hat keinen einheitlichen Klang. Sie entsteht dort, wo Traditionen weitergedacht, Grenzen überschritten und neue Verbindungen gewagt werden. Und wo junge Musiker:innen gemeinsam mit ihrem Publikum herausfinden, was als Nächstes klingen könnte.
© Hakeem
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Das war das FUTURE NOW Musical Diaries Programm 2026:
Tadschikistan
Traditionelle tadschikische Klänge treffen auf internationale Werke und verschmelzen zu einem mitreißenden Konzerterlebnis: MOHIRON verbindet musikalisches Erbe mit neuen künstlerischen Ideen.
TADSCHIKISCHE MELODIEN VERSCHIEDENER REGIONEN · Qalb (dt. Herz)
IDIBEK TOSHEV · Jilva (dt. Strahlkraft / Anmutiger Reiz)
ANTONIO VIVALDI · Escala Palladio (arrangiert für tadschikische Nationalinstrumente)
HAKIM MAHMUD · Zavqi Javoni (dt. Die Freude der Jugend)
JONIBEK SATTORZODA · Guftugu (dt. Dialog)
ZEQUINHA DE ABREU · Tico-Tico
KHUSHBAKHT NIYOZOV · Badakhshoni (dt. Aus Badakhshan)
JOVIDON HASANOV · Kuhistoni (dt. Von den Bergen)
VITTORIO MONTI · Csárdás
IDIBEK TOSHEV · Khusnoro (dt. Strahlende Schönheit)
IDIBEK TOSHEV · Sarchashma (dt. Quelle)
Vietnam
Lương Huệ Trinh verbindet traditionelle vietnamesische Musik, Alltagsgeräusche und elektronische Klänge zu vielschichtigen Klanglandschaften zwischen Realität und Illusion. Im Dialog mit der Sängerin Vũ Thị Thùy Linh entstehen im Lách-Tách-Konzert zeitübergreifende musikalische Begegnungen, in denen Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen.
Die vietnamesische Komponistin und Performerin Lương Huệ Trinh erforscht Elemente der traditionellen Musik, Geräusche des Alltags und elektronische Klänge. Sie formt und stellt sie in Beziehung zueinander, wodurch sie vielschichtige Klanglandschaften zwischen Realität und Illusion kreiert. Ihre Musik wird zu emotionalen Streifzügen, die die Zuhörer:innen durch Schichten von Erinnerung und Raum führen und das Teilen persönlicher Gedanken ermöglichen.
Im Rahmen des Lách-Tách-Konzerts lädt Lương Huệ Trinh die traditionelle vietnamesische Sängerin Vũ Thị Thùy Linh ein, sich dieser Reise anzuschließen. Vũ Thị Thùy Linh präsentiert die alten Melodien von Ả Đào, einer jahrtausendealten traditionellen Musikform aus Nordvietnam, die Poesie und Musik mit hochentwickelten Gesangstechniken und einem äußerst komplexen Tonsystem verbindet, begleitet von Phách (Klanghölzern) und Trống chầu (Trommel). Zwei Künstlerinnen, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an Klang, prallen aufeinander und schaffen hörbare Zeitsprünge verbunden durch den gemeinsamen Raum. Was der Vergangenheit angehört und was sich in der Gegenwart entfaltet, bleibt nicht getrennt, sondern verwebt sich und erzeugt klangliche Momente – zugleich fremd und vertraut. Diese Musik erklärt nicht, sondern wirft Fragen auf – über die Zeit, über die Erinnerung, darüber, was noch nachhallt.
Im Anschluss an das Konzert findet ein Publikumsgespräch statt.
Restkarten sind an der Abendkasse erhältlich.
Marokko
Fünf Musiker:innen aus Marokko entfalten die arabo-andalusische Kammermusik und verbinden klassische Werke mit zeitgenössischen Kompositionen. Historische Tiefe und gegenwärtige Klangkunst verweben zu einer Reise durch den nordafrikanischen und mediterranen Kulturraum.
TRADITIONELL ANDALUSISCH · حبك القمر (dt. Der Mond ist deinem Zauber verfallen)
ANDALUSISCHE MUWASCHSCHAH · ريم رمتني (dt. Reem ließ mich fallen)
N. N. · يا قلبي خلي الحال (dt. Mein Herz, lass die Dinge in ihrer eigenen Wahrheit ruhen)
TRADITIONELL CHAABI · العار يا العار (dt. Hab Erbarmen, hab Erbarmen mit mir)
ANDALUSISCHE MUWASCHSCHAH · لحبيبي أرسل سلام (dt. Meinem Geliebten sende ich einen Gruß)
TRADITIONELL ANDALUSISCH · أنا قد عيّا صبري (dt. Meine Geduld ist müde geworden)
Argentinien & Deutschland
Das ni-va Ensemble aus Buenos Aires und Stellan Veloce verbinden Live-Elektronik, Improvisation und algorithmisch erzeugte Klänge zu einem stetig wandelnden Klanggeschehen. In ihrer Performance entstehen fragile, dichte Soundlandschaften, die zwischen Vertrautem und Unbestimmtem oszillieren und das Hören selbst infrage stellen.
Kammermusik am Laptop? Das ni-va Ensemble aus Argentinien bringt sie live nach Berlin. Das Ensemble ist ein Projekt für digitale Live-Musik, das von Studierenden des Programms Elektroakustische Komposition an der Nationalen Universität der Künste (UNA) in Buenos Aires ins Leben gerufen wurde. Der Schwerpunkt des Ensembles liegt auf der Erkundung von Sound in Echtzeit. Die Live-Improvisationen kombinieren eine Vielzahl von Ansätzen elektroakustischer Musik, wie beispielsweise Akusmatik und musique concrète.
Bei FUTURE NOW Musical Diaries präsentiert das vierköpfige Laptop-Ensemble aus Buenos Aires eine elektroakustische Improvisation in vier Akten. Dafür nutzen sie Synthesizer, Sampling-Techniken, virtuelle Instrumente sowie selbst programmierte Klänge und Algorithmen. Das Ensemble erfindet dichte Klangräume, in denen sich elektronische, aufgezeichnete und scheinbar vertraute Klänge ständig neu mischen. Was hören wir eigentlich, wenn wir nicht sehen, wie ein Klang entsteht? Und wie verändert sich unser Hören, wenn sich die Herkunft eines Klanges nicht mehr eindeutig bestimmen lässt? Das Ensemble macht genau diese Unsicherheit zum Ausgangspunkt eines Konzerts, das Wahrnehmung, Erwartung und Klangphantasie in Bewegung setzt und nutzt dafür auch visuelle Projektionen, die sich reaktiv zum Klang bewegen und verändern. Dabei unterstützt sie bei ihrem Konzert bei Young Euro Classic der:die Musiker:in Stellan Veloce, deren Musik sich durch die warmen Klänge des Cellos in Kombination mit Elektronik auszeichnet. Gemeinsam improvisieren die fünf Musiker:innen und bearbeiten die Klänge direkt im Moment, sodass sich eine genuin neue Klangfarbe in der Aufführung entfaltet.
Im Anschluss an das Konzert findet ein Publikumsgespräch statt.
Vietnam, Deutschland, Ägypten, Argentinien
Vier musikalische Biografien treffen aufeinander und formen im FUTURE NOW-Ensemble &ñịoن einen gemeinsamen Raum des Hörens und Schaffens. Aus Reibung und Annäherung entsteht eine Komposition, die Differenz nicht auflöst, sondern produktiv werden lässt.
Unser Alltag ist voller Klänge, denen wir oft kaum Aufmerksamkeit schenken: Stimmen hinter der Wand, das Arbeiten von Maschinen im Hintergrund, Gespräche in der Nachbarschaft. Das Ensemble &ñịoن macht diese Geräusche zum Ausgangspunkt ihrer musikalischen Begegnung und entwickelt einen Abend zwischen Konzert, Hörspiel und szenischer Lesung.
In Kombination ihrer Stimmen und umfunktionierter Alltagsgegenstände – darunter eine elektrische Zahnbürste oder ein Massagegerät – gestalten Hatem Hamdy und Laris/Lara Bäucker ein urbanes Sprechtheater. Dieses wird mit atmosphärische Klanglandschaften untermalt: Joaquín Macedo erzeugt mit Synthesizer, Blechobjekten und Glasmurmeln vielschichtige Klangfarben, während Vinh Tran seiner Akustikgitarre mit Violinbogen und erweiterten Spieltechniken ungewohnte und unerwartete Töne entlockt.
Dabei begleitet eine Sprecher:innenstimme das Publikum durch den Abend: Sie erzählt von den Ideen hinter der Musik und öffnet einen Assoziationsraum, in dem Sprache und Klang gemeinsam Bilder erwecken, manchmal aber auch widersprüchlich sind oder ohne konkreten Bezugspunkt für sich stehen.
Déjà-entendu, die Wahrnehmung etwas bereits zuvor gehört haben, ist dabei zentrale Idee des Konzerts. &ñịoن lädt dazu ein, die eigene Umgebung mit neuen Ohren wahrzunehmen. Aus Stimmen, Geräuschen und Instrumentalklängen entsteht eine Musik, die Bekanntes in einem anderen Licht erscheinen lässt und zeigt, dass sich auch im Gewöhnlichen und Alltäglichen Einblicke in die Zukunft verbergen. Im Zentrum steht die Nostalgie für eine Zeit, die noch nicht gekommen ist.
Im Anschluss an das Konzert findet ein Publikumsgespräch statt.
